Predigt zum Sonntag Kantate 4. Sonntag nach Ostern) 

 

 

 Liebe Gemeinde,

 

heute der erste Gottesdienst nach einer ziemlich langen Zeit ohne Gottesdienste. Ich erinnere mich noch daran, als am Anfang langsam klar wurde, dass wir auch keine Gottesdienste feiern werden können, kam mir dieser Satz von einer älteren Frau zu Ohren: „Selbst im Krieg waren die Kirchen nie zu und jetzt soll das das erste Mal passieren?“.

Dieser Satz, er hat mich tief bewegt. Das erste Mal, vermutlich in einem langen Leben, war es dieser Frau nicht möglich einen Gottesdienst zu besuchen. Und wenn ich an diesen Satz denke, dann überwiegt heute bei mir die Freude darüber, dass wir wieder Gottesdienst feiern, auch wenn die Umstände doch sehr gewöhnungsbedürftig sind.

 

Und heute im ersten Gottesdienst nach der „Coronapause“ erwartet Sie ein Predigttext, den sie wahrscheinlich selbst als regelmäßiger Gottesdienstbesucher noch nicht gehört haben. Denn es ist einer der Texte, die seit dem Inkrafttreten der neuen Predigttextreihe am 1. Advent sozusagen neu dazugekommen ist.

Und ich muss sagen, es ist ein Text, der heute, gerade an diesem besonderen Tag wie die Faust aufs Auge passt. Der Predigttext aus der Chronik, er berichtet davon, wie der erste Tempel der Israeliten, der unter Salomo errichtete Tempel geweiht wird. Ein Tempelweihtext ist unser heutiger Predigttext, und nach so langer Zeit Gottesdienstpause fühlt es sich heute tatsächlich ein bisschen wie eine Wiederweihe, eine Wiedereinweihung unserer Kirche an. 

 

Aber jetzt hören sie erst einmal den Predigttext:

 

 

2. Chronik 5,2–5(6–11)12–14

2 Da versammelte Salomo alle Ältesten Israels, alle Häupter der Stämme und die Fürsten der Sippen Israels in Jerusalem, damit sie die Lade des Bundes des Herrn hinaufbrächten aus der Stadt Davids, das ist Zion.

3 Und es versammelten sich beim König alle Männer Israels zum Fest, das im siebenten Monat ist.

4 Und es kamen alle Ältesten Israels, und die Leviten hoben die Lade auf

5 und brachten sie hinauf samt der Stiftshütte und allem heiligen Gerät, das in der Stiftshütte war; es brachten sie hinauf die Priester und Leviten.

11 Und die Priester gingen heraus aus dem Heiligtum – denn alle Priester, die sich eingefunden hatten, hatten sich geheiligt, ohne dass man auf die Abteilungen geachtet hätte –,

12 und alle Leviten, die Sänger waren, nämlich Asaf, Heman und Jedutun und ihre Söhne und Brüder, angetan mit feiner Leinwand, standen östlich vom Altar mit Zimbeln, Psaltern und Harfen und bei ihnen hundertzwanzig Priester, die mit Trompeten bliesen.

13 Und es war, als wäre es einer, der trompetete und sänge, als hörte man eine Stimme loben und danken dem Herrn. Und als sich die Stimme der Trompeten, Zimbeln und Saitenspiele erhob und man den Herrn lobte: »Er ist gütig, und seine Barmherzigkeit währt ewig«, da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn,

14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.

Salomo, der Sohn Davids darf Gott einen Tempel bauen. David selbst war es verwehrt, aber nun ist es so weit – der Gott Israels, er soll nicht mehr in dem Nomadenheiligtum, der Stiftshütte „wohnen“, sondern er soll einen festen Ort, den Tempel in Jerusalem bekommen.

Der Gott Israels wird sozusagen „sesshaft“. Und das Gott den Tempel auch tatsächlich „bezieht“, das wird an den letzten Versen des Predigttextes deutlich:

da wurde das Haus erfüllt mit einer Wolke, als das Haus des Herrn,

14 sodass die Priester nicht zum Dienst hinzutreten konnten wegen der Wolke; denn die Herrlichkeit des Herrn erfüllte das Haus Gottes.

Und von dieser Zeit an ist dann tatsächlich auch so, dass der Gott Israels ausschließlich im Tempel in Jerusalem verehrt werden soll. Der Ort, dieser besondere Ort, dieser Tempel ist der Ort, an dem Israel seinem Gott begegnet, an dem Israel seinen Gott verehrt.

Daher kann man sich die Katastrophe gar nicht groß genug vorstellen, als dieser Tempel – der Ort der Gegenwart Gottes – 586 v. Chr. Von den Babyloniern zerstört wird. Später wird dann noch ein zweiter Tempel gebaut, aber auch der wird 70 n. Chr. von den Römern zerstört.   

Wo ist der Ort, an dem Gott verehrt werden soll? Das Christentum ist eigentlich von Anfang an für seine Gottesdienste nicht unbedingt an einen besonderen Ort gebunden. Im kleinen Kreis, in Hauskreisen, haben die ersten Christen angefangen, ihre Gottesdienste zu feiern. Kein besonderer Ort war nötig. Man brauchte eben einfach irgendeinen Ort, an dem man sich versammeln konnte. Später, als die Christenverfolgungen begannen, dann auch einen Ort, der möglichst versteckt war.

Das Christen Kirchen für ihre Gottesdienste bauten – das kam erst später.

Ein bisschen wie bei den ersten Christen war es jetzt in dieser Coronazeit. Den Satz verstehen sie aber bitte nicht falsch: Natürlich nicht die Christenverfolgung und das Versteckenmüssen, aber das Feiern von Gottesdiensten in einem kleinen Rahmen, vielleicht allein, vielleicht mit der Familie. Gottesdienste feiern z.B. vor dem Fernseher – vielleicht haben Sie es auch so gemacht, dass sie die Gottesdienste mit ihrer Familie zusammen geschaut haben. Vielleicht das Gesangbuch in der Hand, um ein bisschen mitsingen zu können. Oder Sie haben allein oder gemeinsam die Andachten gelesen, die sie hoffentlich jede Woche erreicht haben: im Mubo im Schwabo oder auch die aus unserer Feder. Vielleicht haben Sie sich sogar einmal herangewagt und haben ein Agapemahl, zu Hause gefeiert.

Es gab in dieser Zeit viele verschiedene Angebote. Gott sei Dank. Angebote, die es uns ermöglicht haben auch zu Hause im ganz kleinen Kreis unseren christlichen Glauben zu leben. Aber, der Situation geschuldet, eben Angebote für zu Hause, im kleinen Kreis.

Und doch haben Sie sich heute früh auf den Weg gemacht, in diesen Gottesdienst. Ich weiß nicht, was bei Ihnen der Grund dafür war.

Mir persönlich geht es aber so, dass der Ort für mich doch einen Unterschied macht. Natürlich kann ich Gott überall anbeten, aber ich stelle fest: es gibt Orte, da fällt es mir leichter. Und hier in unserer Kirche, da fällt es mir leichter, mich auf Gott zu konzentrieren, als zu Hause auf meiner Couch. Die Kirche war ja auch während der gottesdienstlosen Zeit geöffnet – und ich habe für mich festgestellt: in unserer Kirche lässt es sich gut zur Ruhe kommen und beten. Die Kirche bleibt natürlich auch weiterhin geöffnet – nutzen sie es, vielleicht hier einmal zur Ruhe und vor Gott zu kommen.

Unser Predigttext – ein Text der die Tempelweihe beschreibt – Gott wohnt an diesem einen Ort im Tempel. Das würden wir heute aus christlicher Sicht bestimmt nicht mehr so sagen. Für uns steht fest: Gott ist überall zugänglich und erreichbar. Mit Gott reden, Gottesdienst feiern, das ist auch zu Hause mit einem Fernsehgottesdienst möglich – aber ich stelle fest, manche Orte machen es mir leichter mit Gott in Kontakt zu kommen, Gottesdienst zu feiern, z.B. eben unsere Kirche.

Gottesdienst feiern – dazu diente den Israeliten der Tempel. Damals vor fast 3000 Jahren natürlich ein ganz anderer Gottesdienst als unserer heute. Aber damals wie heute ist gleichgeblieben.

Im Gottesdienst, da geht es um Gott. Da geht es darum, mit Gott in Kontakt zu kommen. Gottes – Dienst – ein Wort, dass aus den Wörtern „Gott“  und Dienen besteht. Offen bleibt „wer dient hier eigentlich wem“? Dienen wir Gott oder dient Gott uns? Was macht einen Gottesdienst zu einem Gottesdienst? 

Martin Luther hat es so formuliert Gottesdienst ist, „dass nichts anderes geschehe, als dass unser lieber Herr selbst mit uns rede durch sein heiliges Wort und wir wiederum mit ihm reden durch Gebet und Lobgesang.“

Also: Gottesdienst ist beides: Gott dient uns – und wir dienen Gott. Gott redet mit uns durch sein Wort – und wir reden mit ihm durch Gebet und Lobgesang. Das ist das Entscheidende – das ist das, was einen Gottesdienst zu einem Gottesdienst macht. 

Es kommt nicht darauf an, ob wir eng zusammensitzen oder nicht, ob wir Mundschutz tragen oder nicht. Alles das sind Äußerlichkeiten. Entscheidend ist aber das, was zwischen uns und Gott passiert. Gott redet durch sein Wort zu uns und wir reden mit Gott durch Gebet und einem Lobgesang in unseren Herzen.

Gott dient uns und wir dienen Gott. Und ich bin froh darüber, dass wir das wieder in unserer Kirche tun können. Zu Hause in einem Fernsehgottesdienst ist das natürlich genau so gut möglich, dass Gott durch sein Wort mit uns spricht und wir mit Gott, aber irgendwie ist es doch auch wieder schön, ganz leiblich da zu sein und Gottesdienst zu feiern.     

Gott dient uns und wir dienen ihm – das wollen wir ab diesem Sonntag auch wieder wie gewohnt in unseren Sonntagsgottesdiensten tun. Aber parallel wird es natürlich auch die vielen verschiedenen Angebote Gottesdienst zu feiern, im Fernseher im Internet usw. geben. Und ich glaube, dass das auch gut so ist. Egal wie und wo wir Gottesdienst feiern – Gottesdienst ist immer dort, wo Gott durch sein Wort mit uns redet und wir mit Gott reden. Und vielleicht ist es auch einmal ganz heilsam wieder einmal auf diese Einsicht zurückgeworfen zu werden. Gottesdienst ist nicht dort, wo das größte Event stattfindet auch nicht dort, wo die meisten Leute sind, auch nicht dort, wo der beste Kaffee gekocht wird.

Gottesdienst geschieht, dort wo Gott uns mit seinem Wort dient und wo wir Gott dienen.

Und dass das jetzt auch wieder in einem „ganz normalen“ Gottesdienst geschehen kann, dafür bin ich dankbar und freue mich darauf auch nächste Woche wieder Gottesdienst zu feiern.

Amen     

Ihnen eine behütete und gesegnete Woche

Pfarrer Daniel Hoffmann