Predigt Himmelfahrt 21.05.2020

Liebe Gemeinde,

 

Jesus steckt fest. Jesus steckt fest zwischen Himmel und Erde – so sieht es zumindest auf dem Himmelfahrtsbild aus, das sie auf der Vorderseite ihrer Liedblätter finden.

Der Oberkörper Jesu ist schon in den Wolken verschwunden. Völlig entrückt. Für niemanden mehr sichtbar. Nur die Füße sieht man noch herunterbaumeln und ein kleiner Teil seines Gewandes ist noch sichtbar.

Unten stehen Maria und die Jünger. Alle starren nach oben. Manche haben sogar die Hand andächtig zum Himmel erhoben, als ob sie Jesus bei seinem Aufstieg helfen wollen.

 

Dieses Bild kommt uns heute vielleicht ein wenig fremd vor. Und das ist auch kein Wunder. Denn dieses Bild stammt aus dem 13. Jh. und wurde für ein böhmisches Zisterzienserkloster gemalt. Aber genau so hat man im Mittelalter die Himmelfahrt Christi immer gemalt, so hat man sich die Himmelfahrt vorgestellt.

 

Ich habe mir dann das Bild noch ein bisschen genauer angeschaut. Besonders die Jünger habe ich mir angesehen.

Die Hände zum Himmel erhoben. Sind sie wirklich andächtig und still ergeben? Oder haben sie vielleicht eher einen verzweifelten Schrei auf den Lippen: „Jesus, wo gehst du hin? Lass uns doch hier nicht alleine zurück“ „Jesus, warum verlässt du uns schon wieder?“ Reicht es denn nicht, dass du uns schon am Kreuz verlassen hast? Vielleicht würde der eine oder andere von den Jüngern auch gerne nach den Füßen greifen. Jesus wieder auf die Erde zurückziehen.

Ich könnte mir vorstellen, dass die Jünger in der Apostelgeschichte, in der Schriftlesung die wir vorhin gehört haben eher so reagiert haben. Mit einem Schrei auf den Lippen „Jesus, wo gehst du hin?“    

 

1)     Predigttext

 

Der Predigttext von heute versucht genau diese Frage zu beantworten. Wo ist Jesus bei der Himmelfahrt eigentlich hingegangen? Und was macht Jesus jetzt eigentlich, nachdem er weg ist?

 

Lesung Eph 1,20-23

 

20 mit der [gemeint ist die Kraft Gottes] er in Christus gewirkt hat.

Durch sie hat er ihn von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel

21über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen.

22Und alles hat er unter seine Füße getan und hat ihn gesetzt der Gemeinde zum Haupt über alles,

23welche sein Leib ist, nämlich die Fülle dessen, der alles in allem erfüllt.

Liebe Gemeinde,

als ich diesen Predigttext gelesen habe, kam mir eine Erinnerung:

Ich bin in Galatz, einer Stadt ganz im Osten von Rumänien, nicht weit vom schwarzen Meer entfernt. Und ich stehe vor einer sehr großen und neuen Kirche. Die Kirche wirkt gedrungen. Ganz anders als unsere gotischen Kirchen in Deutschland. Nicht besonders hoch, aber dafür sehr breit. Ich sehe hellen Sandstein und einige Kuppeln, die rot angestrichen sind.

Dann betrete ich die Kirche und ich bin überrascht. Von außen wirkte die Kirche so hell und modern, doch als ich jetzt durch die Kirchentür trete ist alles dunkel. Meine Augen brauchen erst einen Moment, um sich auf die Finsternis und das wenige Licht von ein paar Kerzen einzustellen.

Ein großer, fast quadratischer Raum. An den Ecken des Raumes große Säulen, die wahrscheinlich das Dach tragen. Keine Kirchenbänke oder andere Sitzgelegenheiten. Und, keine Fenster. Kein einziges Fenster, durch das sich ein Lichtstrahl in die Kirche verirren könnte. Und dann noch die Bemalung an den Wänden. Lauter Heiligengeschichten wurden auf die Wände gemalt, alles in sehr dunklen Farben. Und auch der Hintergrund zwischen den einzelnen Figuren wurde schwarz gestaltet. Nur hier und da schimmert ein goldener Heiligenschein.

Ich trete weiter hinein in diesen großen Raum lasse meinen Blick schweifen. Über die Ikonostase, die den Altar verdeckt und dann an den dunklen Wänden entlang immer höher.

Die Wände gehen in eine große Kuppel über und ich muss die Augen zusammenkneifen. Plötzlich wird es hell. Die ganze, riesige Kuppel ist golden angestrichen und das Licht der wenigen kleinen Fenster in der Kuppel wird durch den Anstrich reflektiert. Und von der Mitte der Kuppel schaut eine riesige Christusdarstellung auf mich herab. Ein riesiger Christus, mit einem Heiligenschein. Als ich genauer hinsehe erkenne ich, dass er eine Bibel unter den Arm geklemmt hat. Und die rechte Hand hat er zu einer Segengeste erhoben, genau so (zeigen). Oben an der Kuppel thront Jesus und schaut auf mich herab.

 

20a Durch diese Macht hat Gott Jesus von den Toten auferweckt und eingesetzt zu seiner Rechten im Himmel

21über alle Reiche, Gewalt, Macht, Herrschaft und alles, was sonst einen Namen hat, nicht allein in dieser Welt, sondern auch in der zukünftigen.

22Und alles hat er unter seine Füße getan              

 So sagt es unser Predigttext und genau das ist es auch, was dieses Jesusbild an der Kuppel der Kirche darstellen möchte: nach seiner Himmelfahrt herrscht Jesus über diese Welt. Er ist der Pantokrator – der Herrscher über alles, der Weltenherrscher

Jesus herrscht?

In der Kirche in Rumänien ist es eine goldene Kuppel, die sich über den Gottesdienstbesucher wölbt. Heute für uns in diesem Gottesdienst ist es der mehr oder weniger blaue Himmel. Kennen sie dieses Gefühl? Manchmal kommt mir der Himmel auch wie so eine Kuppel vor. Wenn ich mich auf eine Wiese lege, die Augen zum blauen Himmel gerichtet – da ist es fast, als ob die Erde auch unter einer solchen Kuppel steckt. Eine Kuppel, die die ganze Welt einschließt.

Und dann fange ich an diese Himmelskuppel abzusuchen. Zu suchen, wo denn dieser Allherscher, dieser Weltenherrscher, Jesus Christus aus unserem Predigttext thront. Ich kneife meine Augen zusammen, aber ich kann ihn nicht finden. Ich kann ihn da oben im Himmel nicht sehen. Ich sehe keinen Christus, der mit einer segnenden Hand diese Welt regiert. Ich sehe keinen Christus, der die Reiche, Mächte und Gewalten regiert und Frieden schafft, wo vorher Krieg war. 

Stattdessen sehe ich Menschen überall auf dieser Welt, die in einer noch nie dagewesenen Größenordnung an einer Krankheit leiden. Regierungen und Politiker, die selbst mehr oder weniger planlos reagieren und doch immer noch im Hinterkopf haben „wie kann ich mir aus dieser Situationen einen Vorteil verschaffen? 

Stattdessen sehe ich machthungrige Staaten, denen kein Opfer zu groß scheint, um ihren Machtbereich auszudehnen. Bürgerkriege werden geschürt, um sich selbst politische Vorteile zu verschaffen.

Anderswo sehe ich wie sich Staaten lieber in die Isolation zurückziehen, als gesamteuropäische Probleme gemeinsam anzupacken. „Was gehen mich die anderen an“ scheint immer mehr zur Devise zu werden.

Was kann man da machen? Eigentlich bräuchten wir doch ganz dringend so einen Jesus wie ihn unser Predigttext beschreibt: Eigentlich bräuchte man einen starken Mann. Einen, der mit der Faust auf den Tisch haut und klar sagt, dass es so nicht geht. Einen der die Kraft hat, auch mal hart durchzugreifen. Einen der alles wieder in Ordnung bringt

Jesus herrscht – aber wie?

 Liebe Gemeinde,

 das würden wir uns vielleicht manchmal wünschen, wenn wir in diese Welt schauen. Jesus der durchgreift, der auf den Tisch haut und alles wieder in Ordnung bringt.

Genau das, haben sich viele Menschen auch von Jesus erwartet, als er noch über diese Erde gegangen ist. Am Palmsonntag haben sie Jesus zum neuen König gemacht. Er sollte die Römer aus dem Land werfen. Er sollte hart durchgreifen und Israel befreien. Er sollte das Reich Gottes aufrichten mit dem Schwert in der Hand.

Und was passierte stattdessen? Jesus heilte Kranke, Jesus vergab Sündern und Jesus ließ sich ohne Gegenwehr gefangen nehmen und ans Kreuz schlagen.   Er gab sich für die Menschen in Liebe dahin.

Ich denke noch einmal an die Jesusdarstellung an der Kuppel der rumänischen Kirche. Nicht umsonst hat dieser Jesus kein Schwert in der Hand. Wenn man sonst Bilder von Herrschern sieht, dann haben die meistens ein Schwert oder ein Zepter in der Hand, als Zeichen ihrer Macht. Bei Jesus an der Kuppel dieser Kirche ist es anders. Er wird als Weltherrscher dargestellt, aber er hat kein Schwert. Er hat nur eine Bibel unter dem Arm geklemmt und seine rechte Hand zum Segen erhoben.

Nicht das Schwert, sondern der Segen kennzeichnet die Herrschaft Jesu. Nicht das hart Durchgreifen mit Waffengewalt, sondern die zum Segen erhobene Hand.

 

3)     Jesus herrscht heute immer noch

 Vielleicht heißt das dann auch, dass wir an anderen Stellen und auf eine andere Weise nach der Herrschaft Jesu auf dieser Welt suchen müssen. Wenn Jesus nicht durch das Schwert, nicht durch Macht und Gewalt sondern durch seine segnende Hand, durch Liebe Vergebung herrscht, dann müssen wir vielleicht umdenken. Dann müssen wir vielleicht an anderen Stellen suchen. An Stellen, an denen sich Liebe, Vergebung und Einsicht in dieser Welt durchsetzen.

Das Beispiel, dass ich ihnen jetzt dafür geben möchte, ist wahrscheinlich nicht ganz unumstritten. Schließlich kann man vielen Dinge verschieden bewerten und in der aktuellen Corona und Lockerungsdebatte wird ja vieles auch kontrovers diskutiert.

Aber für mich ist das Verhalten unserer Regierung in dieser ganzen Corona Krise doch etwas, wo ich sagen würde, an dieser Stelle hat sich Liebe und Fürsorge auch auf unsere Welt durchgesetzt. Bevor sie jetzt abwinken, weil Sie ganz anderer Meinung sind, lassen Sie es mich bitte kurz erklären:

Unsere Regierung hat mit ihren Maßnahmen: Schließung wirtschaftlicher Bereiche, Schließung Schulen und Kigas … erst einmal so entschieden: das Leben von unseren älteren Mitbürgern und der Schutz des Lebens ist uns wichtiger, als alles Geld, dass uns damit jetzt verloren geht.

Man hätte das auch anders entscheiden können: so wie es ja jetzt auch schon Politiker in Talkshows formuliert haben: die älteren sterben doch sowieso bald, ob das ein paar Jahre früher wegen Corona oder später wegen was anderem ist, ist doch egal. Es trifft doch sowieso „nur“ die Älteren, die sind eh nicht mehr produktiv für diese Gesellschaft.

Auch so hätte man denken und entscheiden können!

 Das sicherlich nicht alle Entscheidungen richtig waren und das man öffentliches Leben und Wirtschaft nicht auf ewig lahmlegen kann, das stimmt natürlich.

 Aber es geht mir um die Grundsatzentscheidung – Leben – auch älteres Leben schützen zu wollen, ist meiner Meinung nach eine Entscheidung im christlichen Sinne. Und eben nicht zu entscheiden: junges, produktives Leben ist lebenswertes Leben – älteres Leben nicht mehr und deshalb ist älteres Leben nicht schützenswert.

Denn ganz ehrlich – für mich und für meine Kinder macht es wohl einen Unterschied, ob ich meine Oma und meine Kinder ihre Uroma noch für 5 Jahre habe oder eben nicht. 

 Über Einzelentscheidungen damals und auch jetzt lässt sich natürlich vortrefflich streiten. Und ich bin sicherlich auch nicht der Meinung, dass alles richtig und gut entschieden wurde und auch jetzt entschieden wird. Aber in der Grundsatzentscheidung, in der Grundsatzentscheidung, dass eine Gesellschaft älteres Leben für genau so schützenswert hält wie Jüngeres sehe ich tatsächlich christliche Werte gewahrt und vielleicht auch etwas von diesem ganz anderen Weltenherrscher Jesus Christus aufblitzen.

Schluss

Himmelfahrt – Jesus wird als Weltenherrscher eingesetzt. Und er herrscht vielleicht manchmal anders, als wir das gerne hätten. Ein Herrscher nicht mit einem Schwert in der Hand, sondern mit einer Hand zum Segen erhoben. Eine Herrschaft, die zum Segen für die ganze Welt werden soll.