Predigt 14.06.2020 Pfarrer D. Hoffmann Christuskirche Mitteltal, am 21. 06.Obertal

Liebe Gemeinde,

haben sie sich schon mal gefragt, ob Jesus eigentlich gesungen hat? Ich meine im Normalfall, wenn wir eben nicht wie gerade mit Corona kämpfen, da gehört doch der Gesang zu jedem Gottesdienst dazu.?

 

Und Jesus? Damals in Palästina wenn er mit der Schar seiner Jünger die staubigen Straßen Palästinas entlang ging, haben sie dann auf dem Wege ein Lied angestimmt? Vielleicht ein Wanderlied? „Das wandern ist des Müllers Lust?“ Schließlich war Jesus ein Wanderprediger, er und seine Jünger sind viel durch die Gegend gelaufen.

Ich nehme mal an, es geht Ihnen wie mir. Ich kann es mir irgendwie nicht vorstellen.
Irgendwie liegt Ruhe über den Evangelien.
Jesus spricht, die Menge macht Geräusche, manchmal schabt ein Fischernetz über eine Bordwand oder es kräht ein Hahn.
Es gibt Diskussionen mit den Schriftgelehrten und dann mal eine plötzliche Stille. Und dann wird wieder geredet.

Dabei haben wir heute einen Psalm gebetet.
Und Psalm heißt „Lied“ -
Und überall in den Psalmen hebt der Sänger an:
„Lobe den Herrn meine Seele!“
Aber auch „Gott erhör' mein Flehen“
Oder: „Ich will den Herrn loben allezeit;

sein Lob soll immerdar in meinem Munde sein.“ (Das haben wir vorhin im Psalmgebet gehört)

In der Bibel wird viel gesungen.

 

Aber Jesus in den Evangelien?

 

 

Aber es gibt nur eine Stelle in der Bibel, wo Jesus singt

oder doch wenigstens anhebt - wie ein Sänger anhebt zu singen -, Gott zu loben.

Sie haben es bestimmt schon erraten, wenn ich es so erzähle: Es ist in unserem heutigen Predigttext: leider in der Lutherübersetzung etwas versteckt: Dort steht:  Zu der Zeit fing Jesus an und sprach:“ – Diese Wortfolge, so wie sie im griechischen da steht, ist aber eigentlich besser zu übersetzen mit: „Zu der Zeit hob Jesus an“ – so wie ein Sänger anhebt zu singen: 

Ich lese ihnen die Stelle noch einmal vor.

Und passen Sie mal auf, welche Erfahrung es ist,

die Jesus zum Singen bringt:

 

Ich preise dich, Vater und Herr des Himmels und der Erde, dass du solches den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart.
26 Ja, Vater; denn so hat es dir wohlgefallen.


Alles ist mir übergeben von meinem Vater, und niemand kennt den Sohn als nur der Vater; und niemand kennt den Vater als nur der Sohn und wem es der Sohn offenbaren will.


28 Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.


Kommt her zu mir!

Wenn Jesus anfängt zu singen,
kommt eine Einladung für uns heraus.
...
Aber was lässt ihn singen?
Es ist die Erfahrung,
dass Gott bei den Schwachen besser ankommt. Die Klugen und Weisen verstehen nicht so gut, worum es geht. Vielleicht verstehen sie viel, aber oft verstehen sie das Entscheidende nicht.

Woran liegt das?

Es liegt daran, dass die Unmündigen, so nennt sie Jesus in seinem Lied, dass die Unmündigen tagtäglich eine Erfahrung machen, die auch eine Gotteserfahrung ist.


Das griechische Wort, das an dieser Stelle steht (Luther übersetz mit Unmündigen),
bezeichnet die Kinder, die noch Milch bekommen, also noch keine feste Nahrung zu sich nehmen.

Säuglinge also und auch Kleinkinder.

Bei mir ist die Erinnerung an das Säuglingsalter meiner Kinder noch nicht so lange her:

Sie trinken oder schreien. Sie sind zufrieden oder schauen neugierig in die Welt,
und bei alle dem zweifeln sie nicht.
Dass sie in der Liebe der Mutter sicher geborgen sind …
Dass Milch kommt, wenn sie hungrig sind …
Dass die Stimme da ist, wenn sie einsam sind …
Dass sie jemand hochhebt, wenn sie in die Welt schauen mögen…

Ich habe letztens auf dem Spielplatz mit meiner Tochter eine solche Erfahrung gemacht. Sie ist auf ein Klettergerüst hoch geklettert und kam dann nicht mehr herunter. Ich hebe mein Arme nach oben und schon springt sie – noch bevor ich etwas gesagt hatte, eigentlich auch noch bevor ich bereit war sie aufzufangen (ich hab sie trotzdem erwischt, es ist nichts passiert)
Säuglinge, Kleinkinder sind voller Vertrauen, vielleicht, weil sie die Erfahrung nicht kennen, auf eigenen Beinen zu stehen, weil sie nicht aus eigener Kraft leben.

Die Weisen und Klugen jedoch wissen Bescheid in der Welt.
Sie sind immer in der Gefahr, sich auf ihre Kenntnisse und Erfahrungen zu verlassen. Die Starken verlassen sich gern auf sich selbst.

Jesus singt: Ich preise dich, Vater und Herr Himmels und der Erde, dass du solches den Weisen und Klugen verborgen hast und hast es den Unmündigen offenbart.

Die Unmündigen verstehen vielleicht sehr viel leichter, dass der Gott des Himmels und der Erde, der Gott, den Jesus Vater nennt, sie trägt und hält. Es ist ja ihre tägliche Erfahrung, gehalten und getragen zu werden (oder, zumindest wünscht man das einem jeden Kind).

Das haben die Kleinen den Klugen voraus. Darüber freut sich Jesus.


Eigentlich denkt man: Nur die Klügsten sind klug genug,
um Gott zu verstehen. Und als Pfarrer würde ich schon sagen, es hat auch etwas für sich, die alten Sprachen zu kennen. Gott nicht nur im Augenblick zu erleben, sondern auch seine Geschichte und die Geschichte seines Volkes zu kennen.
Nichts gegen Kluge und Weise, auch Jesus singt ja sehr wenig, wie wir gehört haben, meistens lehrt er, auf einem Berg stehend, in der Ebene beim Wandern,
meistens spricht Jesus. und die ihm zuhören, fühlen sich Gott nahe.

„Er lehrte sie.“
Das ist die Tätigkeit, die von Jesus am meisten berichtet wird. Jesus ist selbst ein Schriftgelehrter.

Aber es ist ihm eben nicht passiert, was so vielen anderen Schriftgelehrten passiert. Und mir und uns vielleicht auch hin und wieder mal passiert. Zu meinen, dass man sich so gut auskennt, weiß wie Gott zu sein hat und logischerweise auch wie er nicht zu sein hat, so dass man Gott festlegt. Einen Hosentaschengott macht, den ich begriffen habe und der dann bequem in meine Hosentasche und meinen Alltag passt. Und der mich nicht mehr überrascht, der mich nicht mehr zurecht bringen kann.

 

Der Gott, den Jesus besingt ist anders: 

 

Sein Gott ist der Gott des Himmels und der Erde, des ganzen Kosmos, der alles in seinen Händen hält und er ist gleichzeitig der Gott, der wie ein Vater mein eigenes Leben in den Händen hält.

Der alles trägt, ist mir täglich nah.
 

Der Herr des Kosmos kümmert sich um mich wie der Vater um ein Kind.
Das ist Jesu Predigt, Jesu Lied.

Solange wir uns auf uns selbst verlassen und Gott strategisch in unser Leben einbauen, solange lassen wir ihn nicht ein, sondern behandeln ihn wie ein Bauelement, das wir hier oder da unterbringen können.

Aber wer das Fundament nicht da lässt, wo es hingehört, der baut kein Haus. Der wird nicht sicher wohnen.

Jesus freut sich, dass die Kleinen das verstanden haben
oder gar nicht verstehen müssen, weil die Erfahrung, getragen zu werden, für sie so frisch ist.


Und dann gibt es noch eine andere Gruppe, die Jesus besonders anspricht. Es sind die denen ihr Leben Mühe bereitet, so dass sie meist müde sind und die, die viel tragen müssen, so dass sie schnell müde werden.
Jesus spricht sie direkt an:

Kommt her zu mir, alle, die ihr mühselig und beladen seid; ich will euch erquicken. 29 Nehmt auf euch mein Joch und lernt von mir; denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig; so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen. 30 Denn mein Joch ist sanft, und meine Last ist leicht.


Wer müde ist, der sehnt sich nach Ruhe.
Wer zu viel um die Ohren hat, sagt leicht: „Lass mich in Ruhe!“
Aber es ist gar nicht so einfach, seine Ruhe zu finden.

Kaum ist man allein, beginnen die Stimmen im Kopf zu reden.
Die Vergangenheit zieht die Gedanken auf sich, die Szenen und Sätze, die uns nachgehen; die Sorgen, die wir uns um die Zukunft machen, sind da.

Und die Gegenwart ist verschwunden.

Es reicht eben meistens nicht, allein zu sein, wenn einer Ruhe finden will. Es reicht meistens auch nicht, wenn äußerlich alles still ist.
Wie finden wir Ruhe für unsere Seelen?

Meistens nicht einfach so, indem wir alles andere eine Weile liegen lassen.


Jesus sagt zum Thema Ruhe finden:
Nehmt auf euch mein Joch und lernet von mir;
denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig;
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.

Eigenartiger Weise scheint Druck nötig zu sein, um Ruhe zu finden. Das Joch mag leicht sein, aber es liegt doch auf den Schultern, und es ist spürbar.

Und wir müssen lernen. Mitten im Leid ist Jesus wieder da.

In der Formulierung:
„So werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen“,
steckt ein Vers des Propheten Jeremia.
Er lautet:
Fragt, wo der Weg zum Guten liegt; geht auf ihm,
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seele.

Dass wir uns über den Weg, den wir gehen wollen, viele Gedanken machen, ist klar. Das ist ja das Problem.
Das sind die Stimmen, die kommen, wenn wir die Augen schließen. Das sind die Sorgen, die kommen und mit denen wir die Zukunft vorweg nehmen. Kurz gesagt, wir versuchen uns selber zu tragen.

So wie die Klugen und Weisen Gott einbauen in ihr Denken und ihm am Ende keinen Platz lassen, um selbst zu handeln, so versuchen wir Gottes Aufgabe
selbst in die Hand zu nehmen und selbst zu erlösen.
Wir versuchen uns selbst in die Hand zu nehmen,
uns zu tragen und unseren Weg zu finden.
...
Kommt her zu mir alle,
die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernet von mir;
denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig;
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.
...
Aber: Jesus Christus, der unsere Sorgen geteilt hat, der weiß, wie sich unser Leben anfühlt, der will es in die Hand nehmen und tragen.

Er will uns mitten unter dem Joch, mitten im Alltag, den wir als Christinnen und Christen leben zur Ruhe führen. Nicht, so, dass das Joch einfach weg wäre, aber so, dass er mitträgt.

 

Das geschieht nicht von selbst.
Wir müssen ihn auch mittragen lassen und nicht alles selbst tragen wollen.
Wir müssen sein sanftes Joch auf unseren Schultern spüren.
Dann wendet sich unser Weg zum Guten. Es ist manchmal ein Weg, der auch durchs Leiden führt.
Jesus selbst hat das erlebt.
Aber es ist ein Weg, von dem wir hinterher sagen:
Er ist gut gewesen:
Wo es schlimm war, sind wir getragen worden.
Wo es schwer war, haben wir doch die Ruhe gespürt.
Und wo es leicht war, hat das Glück sich nicht angefühlt wie ein Triumph, sondern wie der Himmel, der über uns offen steht.

 

Kommt her zu mir alle,
die ihr mühselig und beladen seid;
ich will euch erquicken.
Nehmt auf euch mein Joch und lernet von mir;
denn ich bin sanftmütig und von Herzen demütig;
so werdet ihr Ruhe finden für eure Seelen.

Amen